Pressemitteilung Scholz Holding Anleihe – Sanierung oder Wirtschaftskrimi? Vertrauensmann tritt zurück und ruft zu Klagen auf

Eklat bei Tag­fahrt: 166 Mio. Euro An­le­ger­gel­der ver­lo­ren; Ver­trau­ens­mann tritt zu­rück und ruft zu Kla­gen auf

Auf der Tag­fahrt am 19.05.2016 in Wien ist der ge­richt­lich be­stellte Ver­trau­ens­mann der An­lei­he­gläu­bi­ger, Rechts­an­walt Dr. Wolf­gang Schirp, Ber­lin, von sei­nem Amt zurückgetreten.

Auf der An­lei­he­gläu­bi­ger­ver­samm­lung der Scholz-​Anleihe (ISIN: AT0000A0U9J2) am 19. Mai 2016 in Wien (ös­ter­rei­chisch „Tag­fahrt“) wurde eine Ei­ni­gung vor­ge­legt, nach der die An­lei­he­gläu­bi­ger mit 7,6 % ih­res Ka­pi­tals ab­ge­fun­den wer­den. Die Wie­ner Rechts­an­wäl­tin, die als Ku­ra­to­rin be­stellt wurde, wird diese Ei­ni­gung im Na­men al­ler An­lei­he­gläu­bi­ger ab­schlie­ßen und so auf 166 Mio. Euro verzichten.

Auch die Ver­trau­ens­leute der An­lei­he­gläu­bi­ger soll­ten die­ses Pa­pier un­ter­schrei­ben. Bei den vor­aus­ge­hen­den Ver­hand­lun­gen durf­ten sie – teil­weise – bei­sit­zen, eine Ein­fluss­mög­lich­keit hat­ten sie nicht.

Maulkorb für Vertrauensleute

Der Ver­trau­ens­mann Dr. Wolf­gang Schirp wurde so­gar ganz von den Ver­hand­lun­gen aus­ge­schlos­sen, weil er sich wei­gerte, eine Schwei­ge­ver­pflich­tung zu un­ter­schrei­ben. Hätte er un­ter­schrie­ben, hätte er nicht ein­mal die An­lei­he­gläu­bi­ger, die ihn im­mer­hin zu ih­rem Ver­trau­ens­mann ge­wählt hat­ten, über die Ver­hand­lun­gen in­for­mie­ren dürfen.

Zitat Dr. Wolfgang Schirp:

„Die „Ei­ni­gung“ ist for­mell an­stö­ßig und ma­te­ri­ell nach­tei­lig für die Anleihegläubiger.“

Noch auf der Ver­samm­lung trat Dr. Wolf­gang Schirp von sei­nem Amt als Ver­trau­ens­mann zurück.

Zitat Dr. Wolfgang Schirp:

„Ich trage die „Ei­ni­gung“ aus­drück­lich nicht mit. Aber ich wollte den An­lei­he­gläu­bi­gern, die die Schluss­zah­lung von 7,671 % so bald wie mög­lich er­hal­ten wol­len, nicht durch mei­nen Wi­der­stand im Wege ste­hen. Da­her habe ich auf der Tag­fahrt vom 19.05.2016 mein Amt zur Ver­fü­gung ge­stellt, werde aber als Ver­tre­ter in­di­vi­du­el­ler Klä­ger weitermachen.“

Gesetz von 1874 – ein alter österreichischer Zopf

Rechts­grund­lage des Vor­gangs sind das ös­ter­rei­chi­sche Theil­schuld­ver­schrei­bungs­ge­setz (sic!) und das Ku­ra­to­ren­ge­setz, beide aus dem Jahr 1874. Be­reits bei ih­rer Emis­sion im Fe­bruar 2014 wurde die An­leihe un­ter das ös­ter­rei­chi­sche Recht ge­stellt. Das oh­ne­hin schon laxe deut­sche Schuld­ver­schrei­bungs­ge­setz von 2009 war wohl im­mer noch zu anlegerfreundlich.

Anleger im Wachkoma

Die Wie­ner Rechts­an­wäl­tin, die vom Han­dels­ge­richt Wien zur Ku­ra­to­rin be­stellt wor­den ist, ver­tritt die Rechte der An­lei­he­gläu­bi­ger – zwangs­weise. Nor­ma­ler­weise ha­ben die An­le­ger in­di­vi­du­elle Rechte, mit de­nen sie sich weh­ren kön­nen (Kün­di­gung, Klage, Stel­lung ei­nes In­sol­venz­an­tra­ges). Diese Rechte stan­den nun nach ös­ter­rei­chi­schem Recht ex­klu­siv der Ku­ra­to­rin zu. Die Ku­ra­to­rin machte von die­sen Rech­ten aber nicht Ge­brauch. Die An­le­ger wa­ren ent­mün­digt und muss­ten – quasi im Wach­koma – zu­se­hen, wie sie ent­eig­net wurden.

Flucht vor dem deutschen Insolvenzrecht?

Am 14. Ja­nuar 2016 hatte das Un­ter­neh­men sei­nen Sitz nach Lon­don ver­legt. Das of­fen­sicht­li­che Ziel: dem deut­schen In­sol­venz­recht ent­ge­hen. Nach deut­schem In­sol­venz­recht hätte das Un­ter­neh­men mög­li­cher­weise schon längst In­sol­venz­an­trag we­gen Über­schul­dung stel­len müs­sen. Das la­xere eng­li­sche In­sol­venz­recht kennt die In­sol­venz­an­trags­pflicht we­gen Über­schul­dung da­ge­gen nicht.

Scheinsitz in London?

Der In­sol­venz­spe­zia­list Arndt Gei­witz wurde vom zu­stän­di­gen deut­schen In­sol­venz­ge­richt in Aa­len mit ei­nem Gut­ach­ten be­auf­tragt. Darin stellt er fest, dass die Ge­sell­schaft in Lon­don nur über 1 qm Bü­ro­raum – Ge­mein­schafts­toi­lette auf dem Gang – in ei­nem REGUS-​Sammelbüro ver­fügt und vor Ort keine Mit­ar­bei­ter beschäftigt.

Die Scholz-​Gruppe war 2013 un­ter den 30 größ­ten Fa­mi­li­en­un­ter­neh­men Eu­ro­pas und be­schäf­tigte 5.000 Mit­ar­bei­ter bei 3 Mrd. Euro Jah­res­um­satz. Und ein sol­cher Kon­zern soll aus ei­nem 18 qm-​Büro ohne Mit­ar­bei­ter ge­führt werden?

Gei­witz Re­sü­mee: der Sitz der Ge­sell­schaft be­fin­det sich nach wie vor in Deutschland.

166 Mio. Euro verbrannt

Die An­lei­he­gläu­bi­ger der ma­ro­den Scholz Hol­ding GmbH ver­lie­ren durch die­sen Fe­der­strich 166 Mio. Euro. Sie er­hal­ten auf ihre An­lei­hen noch 7,671 %. Das ist we­ni­ger als der ver­spro­chene Jah­res­zins von 8,5 %.

Gewinner sind die Banken

Aus 180 Mio. Euro wur­den 14 Mio. Euro. Den Scha­den ha­ben über­wie­gend deut­sche Klein­an­le­ger. Ge­win­ner der „Ei­ni­gung“ sind über­wie­gend Ban­ken – die Lan­des­bank Baden-​Württemberg, die Baye­ri­sche Lan­des­bank, die Com­merz­bank und die Deut­sche Bank. Bei ih­nen steht die Scholz-​Gruppe mit ca. 1,1 Mrd. Euro in der Kreide.

Die Gläu­bi­ger­ban­ken ha­ben noch im De­zem­ber 2015 ihre Hand auf das Ver­mö­gen der Scholz GmbH ge­legt. Ihre For­de­run­gen wur­den mit Si­cher­hei­ten von 50 Mio. Euro nach­be­si­chert. Hätte eine In­sol­venz nach deut­schen Recht durch­ge­führt wer­den müs­sen, wä­ren diese Si­cher­hei­ten an die Masse zu­rück­ge­for­dert wor­den, ge­nauso wie die ca. 20 Mio. Euro Ge­büh­ren, die die Be­ra­ter für die Ver­le­gung des Ge­schäfts­sit­zes kas­siert haben.

Individuelle Klagen

Die­je­ni­gen An­le­ger, die den Ver­lust von ca. 93 % ih­res Ka­pi­tals nicht hin­neh­men wol­len, ha­ben nur noch die Mög­lich­keit, in­di­vi­du­ell zu kla­gen. Als Geg­ner kom­men un­ter an­de­rem Berndt-​Ulrich Scholz und Oli­ver Scholz per­sön­lich in Betracht.

Zitat Dr. Wolfgang Schirp:

„Va­ter und Sohn Scholz tra­gen per­sön­lich Ver­ant­wor­tung da­für, dass die Lage ih­res Un­ter­neh­mens bei der Emis­sion der An­leihe viel zu po­si­tiv dar­ge­stellt wor­den. In Wahr­heit lie­fen be­reits seit Jah­ren Re­struk­tu­rie­rungs­be­mü­hun­gen. Die Ban­ken hat­ten ihre ei­ge­nen Rechte be­reits weit­ge­hend ge­si­chert. Das hätte man den An­la­ge­in­ter­es­sen­ten sa­gen müs­sen! Hier wurde wie­der mal der „kleine Mann“ hin­ters Licht geführt.“

Ansprechpartner für weitere Informationen:

Dr. Wolf­gang Schirp
Fach­an­walt für Bank- und Kapitalmarktrecht
Schirp Neu­sel & Part­ner Rechts­an­wälte mbB
Leip­zi­ger Platz 9
10117 Berlin

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Te­le­fax: 0 30/ 327 617 – 17
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