Cum-​Ex-​Skandal: Kommt jetzt die große Klagewelle?

(18. Au­gust 2021)

Ende Juli ent­schied der Bun­des­ge­richts­hof (BGH), dass so­ge­nannte Cum-​Ex-​Geschäfte straf­bar sind (Az. 1 StR 519/20).

Worum geht es?

Bei Cum-​Ex-​Geschäften han­delt es sich um eine be­stimmte Form des Ak­ti­en­han­dels rund um den Di­vi­den­den­stich­tag ei­ner Ak­ti­en­ge­sell­schaft herum. In­ves­to­ren und Ban­ken han­deln da­bei mit „Cum-​Aktien“, also mit Di­vi­dende, oder „Ex-​Aktien“, ohne Di­vi­dende, ei­nes DAX-​Konzerns. Auf die Di­vi­dende, also die Ge­winn­be­tei­li­gung der An­le­ger, wird bei ei­ner Pri­vat­per­son au­to­ma­tisch eine Ka­pi­tal­ertrags­steuer in Höhe von 25 Pro­zent er­ho­ben. Ban­ken oder an­dere in­sti­tu­tio­nelle In­ves­to­ren, wie zum Bei­spiel Fonds, sind von der Steuer ausgenommen.

Bei Cum-​Ex-​Geschäften wur­den vor al­lem über Ban­ken kurz vor dem Di­vi­den­den­stich­tag Cum-​Aktion ge­kauft, die dann erst nach dem Stich­tag ohne Di­vi­den­den­an­spruch als Ex-​Aktien ge­lie­fert wur­den. Die feh­lende Di­vi­dende hat der Ver­käu­fer als Aus­gleichs­zah­lung an den Käu­fer gezahlt.

So ent­gin­gen so­wohl der Ver­käu­fer als auch der Käu­fer der Ka­pi­tal­ertrag­steuer auf die Di­vi­dende. Da­bei konnte sich der Käu­fer den­noch eine Steu­er­be­schei­ni­gung aus­stel­len las­sen, die zu ei­ner Er­stat­tung der – nicht ge­zahl­ten – Ka­pi­tal­ertrag­steuer führte.

Erst nach 2011 ge­lang es dem Ge­setz­ge­ber sämt­li­che Lü­cken in die­sem Sys­tem end­gül­tig zu schlie­ßen. In der Ver­gan­gen­heit wurde stets ar­gu­men­tiert, die Hand­ha­bung der Er­stat­tung ei­ner nicht ge­zahl­ten Steuer sei le­gal, da schlicht hand­werk­li­che Feh­ler in der ge­setz­li­chen Re­ge­lung vorlägen.

Die­ser Auf­fas­sung tritt der Bun­des­ge­richts­hof mit sei­ner Ent­schei­dung vom 28. Juli 2021 nun ent­schie­den ent­ge­gen. Es sei klar zu er­ken­nen ge­we­sen, dass die Er­stat­tung ei­ner nicht ge­zahl­ten Steuer rechts­wid­rig sei.

Bisher nur milde Strafen

Da­bei fällt auf, dass die ver­häng­ten Haft­stra­fen im Zu­sam­men­hang mit Cum-​Ex-​Geschäften als sehr milde an­zu­se­hen sind. Alle Be­tei­lig­ten wur­den le­dig­lich zu Be­wäh­rungs­stra­fen ver­ur­teilt. Da­bei wird der Steu­er­scha­den auf ei­nen drei­stel­li­gen Mil­lio­nen­be­trag beziffert.

Rich­tungs­wei­send ist das Ur­teils des BGH des­halb, weil noch zahl­rei­che wei­tere Straf­ver­fah­ren ge­gen Cum-​Ex-​Beteiligte vor deut­schen Ge­rich­ten an­hän­gig sind. Eine Ver­ur­tei­lung er­scheint wahr­schein­lich, ob die Ur­teile da­bei so milde aus­fal­len wie bis­her, bleibt abzuwarten.

Au­ßer­dem kön­nen nun die Steu­er­schä­den zu­rück­ge­for­dert wer­den – nicht nur bei in­di­vi­du­el­len Tä­tern, son­dern auch bei den Ban­ken. Der Staat könnte also – sollte er seine An­sprü­che kon­se­quent ver­fol­gen – noch mit grö­ße­ren Ein­nah­men aus dem Cum-​Ex-​Skandal rechnen.

Frag­lich ist al­ler­dings, ob die Ent­schei­dung des BGH zu mehr zi­vil­recht­li­chen Kla­gen der Be­tei­lig­ten ge­gen­ein­an­der führt. Es lau­fen be­reits ver­schie­dene Ver­fah­ren auf Scha­den­er­satz, al­ler­dings wa­ren Cum-​Ex-​Geschäfte kein Mas­sen­phä­no­men. Sie wur­den haupt­säch­lich von we­ni­gen, sehr ver­mö­gen­den An­le­gern be­trie­ben, so­dass eine große Welle von An­le­ger­kla­gen schon we­gen der ge­rin­gen Zah­len von In­ves­to­ren im Cum-​Ex-​Bereich nicht zu er­war­ten ist.

Wer hat Schadensersatzansprüche?

Der Scha­den der vor­nehm­lich in­sti­tu­tio­nel­len An­le­ger dürfte sich ge­ne­rell in Gren­zen hal­ten. Zu­dem dürfte ein Scha­dens­er­satz­an­spruch auf Er­stat­tung der zu Un­recht ver­ein­nahm­ten und an den Staat zu­rück­ge­zahl­ten Steu­ern nicht ge­ge­ben sein. So be­schränkt sich der Scha­den wohl eher auf die je­wei­li­gen Transaktions- und Be­ra­ter­kos­ten so­wie die Ver­zin­sung der zu Un­recht er­lang­ten Steuern.

Ob die Ban­ken ih­rer­seits Scha­dens­er­satz­an­sprü­che ge­gen ihre Be­ra­ter ha­ben, hängt dann von der in­di­vi­du­el­len Aus­ge­stal­tung des je­wei­li­gen Auf­tra­ges ab.

Problem der Verjährung

Hinzu kommt bei der Durch­set­zung von Scha­dens­er­satz­an­sprü­chen das Pro­blem der Ver­jäh­rung. Bei Cum-​Ex-​Geschäften be­trägt die Frist für Scha­dens­er­satz­an­sprü­che drei Jahre. Diese be­ginnt spä­tes­tens dann zu lau­fen, wenn der be­trof­fene An­le­ger Kennt­nis vom schä­di­gen­den Er­eig­nis hat. In die­sem Fall liegt also spä­tes­tens mit dem Zu­gang des Steu­er­be­schei­des, der den An­le­ger zur Rück­zah­lung der zu Un­recht ge­zahl­ten Ka­pi­tal­ertrag­steuer ver­pflich­tet, diese Kennt­nis vor.

Da die Cum-​Ex-​Modelle im Jahr 2011 quasi be­en­det wa­ren, wird der Be­ginn der Ver­jäh­rung für die meis­ten An­le­ger mit dem Er­halt des Steu­er­be­schei­des für das Jahr 2011 beginnen.

Da­her ist eine große Kla­ge­welle wohl eher nicht zu erwarten.

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