Comeback des Widerrufsjokers – neue Entscheidung des EuGH könnte vielen Verbrauchern helfen

Der Eu­ro­päi­sche Ge­richts­hof (EuGH) hat am 26. März 2020… eine weit ver­brei­tete Klau­sel in den Wi­der­rufs­er­klä­run­gen von Ver­brau­cher­ver­trä­gen in Deutsch­land für richt­li­ni­en­wid­rig er­klärt.

Die Entscheidung des EuGH

Die Wi­der­rufs­be­leh­rung in dem Dar­le­hens­ver­trag, über den der EuGH zu ent­schei­den hatte, ent­hielt u.a. fol­gen­den Pas­sus, der in den Text des Dar­le­hens­ver­tra­ges in­te­griert war:

„Die Frist be­ginnt nach Ab­schluss des Ver­trags, aber erst, nach­dem der Dar­lehns­neh­mer alle Pflicht­an­ga­ben nach § 492 Abs. 2 BGB (z.B. An­ga­ben zur Art des Dar­le­hens, An­ga­ben zum Net­to­dar­le­hens­be­trag, An­gabe zur Ver­trags­lauf­zeit) er­hal­ten hat. […]“

Die Klau­sel sei dem Ver­brau­cher nicht zu­zu­mu­ten und da­mit eu­ro­pa­rechts­wid­rig. Diese For­mu­lie­rung ent­hal­ten zehn­tau­sende von Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trä­gen, die seit dem 11. Juni 2010 bis heute ab­ge­schlos­sen wur­den. Eine Wi­der­rufs­be­leh­rung, die in den maß­geb­li­chen Punk­ten be­reits von dem Bun­des­ge­richts­hof (BGH) als ord­nungs­ge­mäß er­ach­tet wor­den war, hat der EuGH nun als mit Eu­ro­päi­schem Recht un­ver­ein­bar an­ge­se­hen.

Der EuGH hat zwei we­sent­li­che Aus­sa­gen zu den An­for­de­run­gen an eine ord­nungs­ge­mäße Wi­der­rufs­be­leh­rung ge­macht:

1. Klare und prägnante Form

Zum ei­nen müs­sen Wi­der­rufs­be­leh­run­gen und ins­be­son­dere die darin an­ge­ge­bene Wi­der­rufs­frist „in kla­rer und prä­gnan­ter Form“ an­ge­ge­ben wer­den. Da­mit dürfte bei­spiels­weise die In­te­gra­tion der Widerrufs- und Frist­be­leh­rung in den Fließ­text des Dar­le­hens­ver­tra­ges – wie dies von vie­len Kre­dit­in­sti­tu­ten und Spar­kas­sen ge­hand­habt wurde – nicht aus­rei­chen.

2. Keine Paragrafenverweisung

Zum an­de­ren darf hin­sicht­lich der Pflicht­an­ga­ben nicht ein­fach nur auf ei­nen Pa­ra­gra­fen ver­wie­sen wer­den, der sei­ner­seits wie­der auf an­dere Vor­schrif­ten ver­weist – der so­ge­nannte „Kas­ka­den­ver­weis“. Die Ver­wei­sung auf § 492 Abs. 2 BGB, der wie­derum auf di­verse Vor­schrif­ten im Ein­füh­rungs­ge­setz­buch zum BGB (EGBGB) ver­weist, ist für Ver­brau­cher un­über­sicht­lich und kom­pli­ziert.

Auswirkungen des Urteils des EuGH

Bei der Frage der Aus­wir­kun­gen die­ser Ent­schei­dung auf die be­stehen­den Ver­träge ist zwi­schen zwei Fall­grup­pen zu un­ter­schei­den.

a) Bei Verwendung des Mustertextes im EGBGB

Die Klau­sel fin­det sich auch des­halb in den meis­ten Dar­le­hens­ver­trä­gen, weil der ge­setz­li­che Mus­ter­text eine der­ar­tige Klau­sel ent­hielt. Eine Aus­le­gung ent­ge­gen dem Wort­laut die­ser ge­setz­li­chen Mus­ter­texte ist durch­aus pro­ble­ma­tisch und der BGH hat in ei­nem an­de­ren Fall ge­rade ent­schie­den, dass eine Aus­le­gung des deut­schen Ge­set­zes „con­tra le­gem“, also ge­gen den Wort­laut des Ge­set­zes nicht mög­lich sei. Diese strikte Hal­tung des XI. Zi­vil­se­nats ist zwar nicht zwin­gend, könnte aber dazu füh­ren, dass bei den Fäl­len, bei de­nen die Mus­ter­texte ver­wen­det wur­den, keine Än­de­rung der deut­schen Recht­spre­chung folgt und an der an­ge­ord­ne­ten „Ge­setz­lich­keits­fik­tion“ fest­ge­hal­ten wird.

b) Verträge, die vom Mustertext abweichen

Die Ge­setz­lich­keits­funk­tion gilt dann nicht, wenn der Ver­wen­der vom Mus­ter­text ab­ge­wi­chen ist. Dies ist häu­fig der Fall, da schon sehr ge­ring­fü­gige Ab­wei­chun­gen rei­chen. In die­sen Fäl­len hat das Ur­teil des EuGH er­heb­li­che Kon­se­quen­zen, da in­so­weit das Wi­der­rufs­recht wei­ter­hin be­steht, denn die Frist hatte nie be­gon­nen, zu lau­fen.

Wie sollte man weiter vorgehen?

Soll­ten Sie zwi­schen dem 11. Juni 2010 – dem In­kraft­tre­ten der Ver­brau­cher­kre­dit­richt­li­nie – und heute ei­nen Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag ge­schlos­sen ha­ben und die­sen rück­ab­wi­ckeln oder um­fi­nan­zie­ren wol­len, kön­nen Sie prü­fen, ob der Ver­weis auf § 492 Abs. 2 BGB in der da­ma­li­gen Wi­der­rufs­be­leh­rung ent­hal­ten ist. Hier­bei ist zu be­ach­ten, dass für Immobilien-​Verbraucherdarlehen nur Ver­träge bis zum 20. März 2016 in Be­tracht kom­men, da der Ge­setz­ge­ber zum 21. März 2016 das Ge­setz zur Um­set­zung der Wohn­im­mo­bi­li­en­kre­dit­richt­li­nie be­schlos­sen hat und für die meis­ten Im­mo­bi­li­en­kre­dit­ver­träge das „ewige Wi­der­rufs­recht“ zum 21. Juni 2016 en­dete.

In ei­nem zwei­ten Schritt kann dann ge­prüft wer­den, ob die da­ma­li­gen Mus­ter­texte ver­wen­det wur­den. Ist dies nicht der Fall, so ist ein Wi­der­ruf grund­sätz­lich mög­lich.

Hat da­ge­gen der Dar­le­hens­ge­ber den Mus­ter­text ver­wen­det, so dürfte trotz­dem auch hier auf­grund der Ent­schei­dung des EuGH bei vie­len Kre­dit­ge­bern die Be­reit­schaft zu ei­nem Ent­ge­gen­kom­men und da­mit ggf. zu ei­ner au­ßer­ge­richt­li­chen Ei­ni­gung stei­gen.

Soll­ten Sie ei­nen Im­mo­bi­li­en­dar­le­hens­ver­trag nach dem 20. März 2016 ge­schlos­sen ha­ben, so kommt even­tu­ell noch eine Re­du­zie­rung der Vor­fäl­lig­keits­ent­schä­di­gung in Be­tracht.

Spre­chen Sie uns für eine un­ver­bind­li­che und kos­ten­freie Erst­ein­schät­zung an. Wir über­neh­men auch die Ein­ho­lung der De­ckungs­zu­sage Ih­rer Rechts­schutz­ver­si­che­rung. Als An­sprech­part­ne­rin für Ihr wei­te­res Vor­ge­hen steht Ih­nen Rechts­an­wäl­tin Dr. Su­sanne Schmidt-​Morsbach, Fach­an­wäl­tin für Bank- und Ka­pi­tal­markt­recht, gerne zur Ver­fü­gung.

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